Buchtipp: Please Kill Me – Legs McNeil und Gillian McCain

Legs McNeil war früher das Maskottchen des ersten Fanzines, das sich mit Punk beschäftigte, ja, eventuell sogar den Begriff prägte, zusammen mit Gillian McCain hat er mehr als 500 Interviews mit den Idolen, Gründern und Konstrukteuren der (vorwiegend) amerikanischen Punkszene geführt (darunter Iggy, diverse Ramones, Danny Fields, die Ashetons, Lou Reed, zig, wenn nicht sogar aberzig Groupies und und und), heraus gekommen ist ein narrativ einnehmendes, vor allem aber unglaublich blickdichtes Werk an Rockgeschichte. Normalerweise bin ich geekig genug, um Geschichten über Drogen und Sex nicht allzu sehr zu genießen, was letztes Jahr auch dazu geführt hat, dass ich die Fritz Musiktour durch Berlin eher bäh fand (hallo, ist ja schön, dass Bowie und Iggy Pop hier in Berlin total auf Droge waren und rumgevögelt haben, aber, ähm, die haben nicht zufällig auch Musik gemacht???). Allerdings fließt hier alles zusammen, Drogen als auch die irgendwie nicht abreißen wollenden Affären und Beziehungen haben unmittelbar damit zu tun gehabt, dass Leute zusammen arbeiteten, Songs schrieben, Bands zerstörten, Mobiliar zerstörten und legendäre Outfits trugen und die Hölle auf der Bühne los ließen. Das Schöne an dem Buch ist, dass keiner der Interviewpartner so erhaben und objektiv ist, wie etwa ein außenstehender Punktheoretiker (na, DAS ist mal ein Paradox, wenn es eines gibt), dass man als Leser selbst ganz objektiv auf das Thema herab sieht, stattdessen wird man mitten hinein geworfen, wie in eine wirre Kneipenrunde, in der alle durcheinander reden und ein konfuses, lückenhaftes, aber unglaublich lebendiges Bild der damaligen Szene zeichnen. Das Buch umfasst die Jahre 1967 – 1980 eindringlich und wirkt abschließend für 1980 – 1992 wie ein Schwanengesang, der in der Originalfassung von “Please kill me” Herz zerreißend wirkt, in der neuen Fassung jedoch durch ein paar “Outtakes” aufgelockert wird.

Ich hab mir in den letzten Jahren immer Gedanken über den Begriff “Punk” gemacht, nicht zuletzt, weil man doch etwas krank wird, wenn sich irgendwelche Spacken mit schlechtem Schulrock damit identifizieren, indem sie ein Sex Pistols Shirt tragen und ein Piercing tragen. Ich meine, wie dumm kann man denn sein und so etwas revolutionäres wie Punk als rein musikalisches Genre zu verstehen und DAS auch noch ohne diese Energie, die ursprünglich dahinter steckte? Ich empfehle jedem dieser Bubiköppe, sich die 492 Seiten durch zu lesen und danach einen Essay an mich zu schreiben, in dem sie mir erklären, warum zum Teufel, sie jemals dachten, sie hätten auch nur ansatzweise etwas mit Punk zu tun. Interessant ist, dass die Musik genau dann für die Musiker zum ersten Mal als Genre identifiziert wurde, als die Sex Pistols diese Art Schaufensterpunk auf den Markt brachten.

Und weil ich es nicht so gut sagen kann; hier ein Zitat.

Legs McNeil: Punk war quasi über Nacht zu etwas verkommen, das genauso bescheuert war wie alles andere auch. Bei dieser wunderbaren lebendigen Kraft, die durch die Musik zum Ausdruck gebracht wurde, ging es um jede Form der Korruption – es ging darum, die Kids bei ihrer Haltung zu unterstützen, nicht darauf zu warten, bis man ihnen sagte, was sie zu tun hatten, sondern dass sie ihr Leben selbst gestalten sollten. […] Die ganze Kreativität war einem Chaos entwachsen, es ging darum, mit dem zu arbeiten, was man vor seiner Nase hatte, und dass man alles Peinliche, Schreckliche und Blöde in seinem Leben in etwas Positives verwandelte.” (386)

Jaja, so ist das.

Und damit nicht alles auf einer zum Kotzen melancholischen Nachdenkerei endet, ein Part im Buch, bei dem ich erstmal auslachen musste:

Jeff Magnum: Dann hörten wir, wie die Bullen brüllten: “UND ZIEHEN SIE SICH GEFÄLLIGST EINE HOSE AN!”
Und Cheeta brüllte zurück: “ICH HABE EINE HOSE AN!”
Sie zerrten ihn aus dem Zimmer raus, und natürlich hatte er seine hauchdünne Leopardenstretchhose an. Und die Bullen sagten: “HABEN SIE KEINE HOSE?”
Und Cheeta: “DOCH, ICH HABE SIE DOCH AN, ICH HABE EINE HOSE AN!” (376)

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