Lach- und Sachgeschichten vom Immergut Festival 2011

Was für ein Fest, zum ersten Mal mit dem Zug zum Festival, was mich als Minimalpackerin aber nicht sonderlich aufgehalten hat, was den Inhalt meiner Reisetasche angeht. Es ist auch von Vorteil, wenn man Leute vor Ort hat, die Fressalien und Getränke auf Bestellung mitbringen. Das gesamte Festival über würde man mich jedoch als dekadente Becks-Prinzessin beschimpfen, weil ich in einer SMS an einen Kollegen geschrieben habe, ich zitiere: “ein Sechser Bier (am liebsten Ropi o. Becks)”, der aber anscheinend jedem gesagt hat, dass ich nichts anderes außer Becks gelten lassen würde und in allen anderen Fällen wie Godzilla über die Festivalgemeinde einbrechen würde. Wer also irgendwann mal wieder über ein Gerücht eines total überzogenen Band-Riders (die Backstage Liste der bereit zu stellenden Lebensmittel etc.) stolpert, sollte sich erst überlegen, ob es nicht doch ein Kollege war, der die Band einfach nur vor den anderen wie ein Arschloch da stehen lassen wollte.

So, nu aber zu den Fotos (die Qualität ist aufgrund der zeitintensiven Upload-Probleme von gigantisch-aber-schicken Bildern vermindert worden, so dass ich nicht mitten im Beitrag schreiben die Lust verliere, sorry dafür, bessere Qualität und mehr Fotos gibt es, wie gesagt, auf dem Lohro Blog – damit es da keine verzerrten Bilder gibt, einfach auf die einzelnen Blogtitel gehen, dann kann man sich die Prachtstücke komplett ansehen).

Ich weiß nicht, wieso, aber ich bin besessen von Dingen, die auf der Bühne liegen und von den Schuhen der Musiker. Hier also Jason Collett (Broken Social Scene Mitglied, auf Solopfaden unterwegs, die sehr nach Bob Dylan klingen), bzw. seine Schuhe, seine Setlist und sein Bier. Das Konzert war eine dieser Shows, die man rein musikalisch betrachtet vielleicht nicht ewig im Erinnerung behalten würde, aber Mr. Collett hat eine sehr einnehmende Art mit dem Publikum zu interagieren (“You’re the most beautiful audience I’ve ever had, did you just become more beautiful?”). Auch die leicht passiv aggressive Art, mit der er die Tontechniker belegt hat, hat zumindest im Publikum für Erheiterung gesorgt. Tja, die langjährig erprobten Musiker wissen halt, wie sie die Crew fertig machen können, ohne dass das Publikum sie für aufgeblasen hält.


Das Waters Konzert von diversen Port O’Brien Mitgliedern konnte ich leider nicht ganz so sehr genießen, weil ich zu dem Zeitpunkt (ca. 18Uhr am Samstag) das gefürchtete Festivaltief hatte und mich eigentlich nur noch auf Fotos und weniger auf die Musik konzentriert habe. Glück für mich, dass ich sie am 16.6. 14.6. sowieso noch mal zusammen mit Wye Oak (kreisch!) in Berlin sehen kann, denn ich kann mich definitiv erinnern – und die Fotos geben mir recht – dass es sehr intensiv und emotional war. Ich weiß, dass das letzte Port O’Brien Album mit einigen Schicksalsschlägen der Band einher ging, aber nur teilweise danach klang, ich denke, dass davon aber viel in der aggressiven Grundstimmung von Waters gelandet ist, mir war es zeitweise fast unangenehm, Van Pierszalowski an zu sehen, geschweige denn Fotos zu schießen, da es so ein persönlicher Moment zu sein schien.

Das folgende Foto ist eines meiner absoluten Favoriten, obwohl die junge Dame bei Waters eher für Verwirrung sorgte, da sie schüchtern und leider auch mit herunter gedrehtem Mikro in der Ecke stand und quasi nichts tat, außer ab und an nicht hörbare Songzeilen mit zu singen. Aber sie sieht so verletzlich aus und das Foto mit dem Rauch und den Farben erinnert mich irgendwie an ein 80er Musikvideo einer New Wave Band.

Das Gummihandschuh-Vogelkostüm von Bodi Bill, ich bin nicht der größte Fan der Band, aber ich muss sagen, dass ihre Live Show wirklich Bombe ist, zumal Sänger Fabian Fenk sich wirklich emotional in die Songs herein steigert, was natürlich immer für ein tolles Konzert sorgt. Ich mochte auch den Song zum Kostüm (har har), allerdings weiß ich den Titel nicht, wer dabei war und sich erinnern kann, ist also eingeladen, mir zu helfen. Ich hab auch scharfe Fotos von diesem Auftritt, aber ich weiß nicht wieso, ich mag diese Einstellung, wahrscheinlich, weil man nicht genau weiß, was da wirklich gerade passiert und weil es ein wenig wie ein Ausschnitt aus einem expressionistischem Gemälde aussieht.

Zu guter Letzt ein paar deus Fotos. Ich hab das Interview gemacht, ohne wirklich mehr als “Suds and Soda” von ihnen zu kennen, dachte mir aber, dass man so eine große Band einfach mal mitnehmen muss (den gleichen Gedankengang hatte ich letztes Jahr bei Sepultura). Ein gefährlich niedriger Batteriestand des Aufnahmegerätes (weil ein Kollege meine frischen Batterien ausgeliehen und dann vermöllt hatte!!!) und die Tatsache, dass Tom Barmann – auf den ich einige Fragen gemünzt hatte – nicht mit dabei saß, haben letzten Endes dafür gesorgt, dass es ein teilweise etwas ungelenktes Interview geworden ist, allerdings war es dennoch sehr nett und interessant. Am Besten war es zum Ende, als die völlig uninspirierte Frage, ob die Band Festivals eigentlich genießt, darin ausartete, dass Klaas sehr emotional wurde und gestand, dass er es überhaupt nicht ausstehen kann, wenn im Soundcheck für die Bands stundenlang nur eine Bassnote gespielt, oder das Schlagzeug ständig nur monoton bedient wird. Anscheinend ist das die chinesische Wasserfolter für ihn. Ebenso amüsant war die Tatsache, dass die Antwort zur Büchertipp-Frage mit Houllebecks Elementarteilchen beantwortet wurde, denselben Tipp hat mir eine Woche vorher der Sänger der ebenfalls belgischen The Van Jets gegeben. Zufall? Ich glaube nicht.

Und hier noch eine kleine Liste der winzigen Details, die einem manchmal auffallen und die die Welt ein Stück schöner machen:

– der Roadie von Mogwai hatte ein Pin Up Girl auf seiner Wade tätowiert
– Touchy Mob stellt sich beim Spielen auf Zehenspitzen, ganz genau so, wie Jocie von The Low Anthem, vielleicht sehen wir sie ja irgendwann zusammen durch die Lüfte fliegen
– Beim Abbauen auf meinem clever gewählten Solo-Platz (wie eine kleine Halbinsel, nur mit Bäumen anstelle von Wasser gesäumt) habe ich einen alten Zelt-Herring gefunden, ich nehme mal an, von einem Zeltbesitzer des letzten Immergut Festivals, der ähnlich clever war. Ich hoffe natürlich, dass ich aus Versehen auch einen Herring da gelassen habe.
–  Die Erlebnis-Verteilung der Immergutbühnen:

  • auf der Birkenhain Bühne erlebt man die intimen Konzerte und Lesungen, mit viel Interaktion zwischen Publikum und Künstler und sehr viel Charme.
  • Konzerte im Zelt sind immer heißer und ausgelassener und laden zu bebenden Massen ein.
  • Die Konzerte auf der Waldbühne fühlen sich besonders zum  Sonnenuntergang und Nachts am Besten an, sehr zu empfehlen ist es, verträumt irgendwo zu sitzen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Bühnenvergabe auch Aufschluß über die Preise der Bands gibt (natürlich inkl. Einberechnung der Auftrittszeit).

– Ballons und Wasserbälle, die in die Fotorinne fallen, sollen unbedingt zurück in die Menge geworfen werden, auch wenn es tierisch nervt, wenn sie ständig wieder zurück kommen, immerhin will man kein Spaßverderber sein und sie im Staub liegen lassen.
– deus trinken Dornfelder

Dieser Schlüpper wurde zwei Mal geworfen, ich weiß nicht welcher Fotograf es war, aber als er zum ersten Mal auf der Bühne landete und ich gierig meine Linse auf ihn warf, nahm er ihn und warf ihn zurück ins Publikum, ohne vorher ein Bild davon gemacht zu haben. Meine Güte. Glücklicherweise sind viele Leute so programmiert, dass sie alles, was sie bei einem Konzert in die Hände bekommen, reflexartig auf die Bühne werfen müssen (da muss man als Leichtgewicht beim Crowdsurfen vorsichtig sein), daher kam er wieder und ich konnte meine Aufnahme machen.
Ich muss dazu aber sagen, dass das Unterwäsche Werfen (übrigens bei Those Dancing Days geschehen) eigentlich nur dann wirklich Sinn macht und authentisch ist, wenn sie vorher noch am Körper des Werfers war und während der hitzigen Show vom Leib gerissen und auf die Bühne geschmettert wurde. Liebe Leute, wenn, dann richtig.

So, das wars, ein ausführlicher Liebesbrief an Who Knew folgt.

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3 thoughts on “Lach- und Sachgeschichten vom Immergut Festival 2011

  1. “Schlüpper” 🙂 …. schön, dass Du noch die gutbürgerliche Schreib- und Sprechvariante für Unterwäscheunterteile drauf hast. Unter Studenten kursiert auch das Gerücht, die Dinger könnten was mit den Knuts dieser Erde zu tun haben (siehe Hörsaal 3, Grünes Ungeheuer, Tisch 14, rechte Seite: “Schüppbäärr”). Na ja, mittlerweile fliegen die Dinger ja auch über Rostocks Straßen, wie ich letztens gesehen habe. Das ist der Niedergang der Festival-Kultur. Tsk.

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  2. Ich fand´s am Samstag nach einem grossartigen und tatsächlich auch berührendem Waters + Wye Oak Konzert auch bitter, den Waters-Sound nicht gepresst mit nachhause nehmen zu können. Es war eine Wonne – zwei beeindruckende Bands an einem Abend! Bis jetzt konnte ich nur einen Download von Waters ausfindig machen und fiebere ihrem nächsten Konzert und erstem Release im September entgegen. Dir morgen viel Spass!

    .

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