Lazy Sunday: Die Reunion Band der Heiterkeiten und ein Wort zur Wahl

Bevor ich loslege, ein Wort zum Wahlsonntag: auch ich habe mich schon zum Wählen gequält, nur um nicht die NPD zu wählen, kann daher mit jedem mitfühlen, der die Nichtwähler am heutigen Tag am Liebsten allesamt aus dem Fenster schmeißen würde. Allerdings ist es amüsant, dass der Nichtwähler mittlerweile schlimmer kritisiert wird, als der NPD-Wähler, den die linksgerichtete Bevölkerung soweit aufgegeben hat, dass auch Aufklärung diesbezüglich kaum noch statt findet. Diese Schlacht haben wir also verloren, Scheiß auf sie, die werden von jetzt an ignoriert, der neue Zonk ist der Nichtwähler, an dem kann man evt. noch ruckeln, da muss man doch nur mal Herbert Grönemeyer zu einem Song nötigen, sowas wie “Ja, wir können” oder so und dann ist die Sache geritzt. Denn die Argumentation über ein schlechtes Gewissen ist nur leidig hilfreich, da das immer mit negativen Assoziationen einhergeht, so dass am Ende auch die “guten” (haha, gibst ja gar nicht, aber egal) Parteien immer mit dem katholischen Drohfinger (ich denke, die haben den erfunden) einhergeht. Also, positiv motivieren. Ein paar Gedanken zum Wählen habe ich mir letztes Jahr (bzw. noch früher gemacht), die kann man hier lesen, muss man aber nicht. Vorsicht, ist nicht ganz so ernst gemeint…aber fast.

SOOOOOO, weiter gehts mit Albernheiten:

Gestern, in Proportionen, die ich mir nie erträumt hätte, offenbarte sich mir auf einer Bühne im Pfefferberg ein Konzerterlebnis, dass 1:1 aus “Fleisch ist mein Gemüse” hätte kommen können, der einzige Unterschied, gleichzeitig jedoch Grund, warum es noch besser als Mucker-Musik war: diese Band tat es nicht für das Geld, sondern für die Erinnerung an eine bessere Zeit, damals, in der DDR, als Musik noch gefühlvoll und ehrlich und anscheinend sehr schlecht war.

(haha, kleiner Scherz, so schlimm fand ich die Puhdys jetzt nicht…auch wenn es bessere Metaphern für eine Erektion gibt)

Es war eines dieser Wiedersehenstreffen von Leuten, die man mit auf der Wand abgelichteten Dias mit ihren damaligen Ichs vergleichen konnte (ein “Wo ist Waldo” mit dem addierten Schwierigkeitsgrad von weniger Haaren und mehr Gewicht). Ich kannte niemanden, wie ich dort gelandet bin, ist sowieso irrelevant.

Die Band, die irgendwann in tiefsten DDR-Zeiten in Bad Doberan gegründet worden war, nannte sich “Brainwave”, allein der Name ein Fest an “gut gemeint”-Momenten, glücklicherweise würde nur ein Song im Set komplett Englisch sein, der Text würde im Grundschulenglisch sowieso unverständlich bleiben – Glück für die Anglistik-Studenten im Publikum (that’s me!).

Brainwave bestand aus zwei Alterhergebrachten (Bassist und Sänger) und drei Neulingen, unter denen anscheinend mind. ein Sohn der alten Bandmitglieder dabei war. Später würden auch weitere Kinder auf die Bühne springen (die man merkwürdigerweise nicht rauf peitschen musste, aber wer weiß, die Freundin eines Sohnes kam erst nach dem Konzert hinzu, bis dahin war sie wahrscheinlich unter Drohung im Keller eingesperrt), um das Tambourin zu schwingen, Background zu singen und im Takt in die Hände zu klatschen – ein Triple-Schämevent. Meine Mutter, die aus irrelevanten Gründen ebenfalls dabei war, sah mich dabei an und meinte: “Siehst du, zu sowas hab ich dich nie gezwungen.”, überlegte dann kurz und schaffte es gerade noch, meiner traumatisierten Miene zu entnehmen, dass Linedance-Vorführung mit ihr vor ihren Freunden definitiv in diese Kategorie der therapeutisch erwähnenswerten Kindheitserinnerungen gehörten. Allerdings hatte ich es geschafft, aus dem Teufelskreis der peinlichen “JULE! Die wollen alle den Linedance sehen!” auszusteigen, ansonsten würde ich – wie die Jungen und Mädchen auf der Bühne – auch heute noch, jenseits der Grenze, wo es annähernd als niedlich angesehen werden könnte, zu einem generischen Countrysong die banale Schrittfolge abschreiten und mir meinen “Happy Place” vorstellen, damit das Grauen nicht zu tief greifen würde.

Zurück zu Brainwave, deren Sänger die stimmlichen Qualitäten eines Olaf Schuberts hatte, überraschenderweise sogar die textlichen Talente. Hatte da etwa ein junger Schubert in Teenager-Tagen ein Brainwave Konzert in den Tiefen Doberans besucht und dadurch Inspiration für seine wunderbare Betroffenheitscomedy bekommen? Songs wie “Gesellschaftsspiel” (da braucht man gar nicht mehr Text, um zu wissen, dass es gut wird) und “Manchmal” (aka “Manschmal”, das man auch mitsingen durfte), sowie ein herzzerreissender Song darüber, dass Behinderte auch leben können, brachten nicht nur Tränen in unsere Augen, sondern auch Einsichten in unsere Köpfe.

(man muss sich nur vorstellen, dass es statt Akustik-Gitarre schlechtes Metalblah gab)

Mein persönlicher Höhepunkt war ein Instrumental, (im Grosse waren das dilettantisch gegniedelte 80er Metaldudeleien, die für Leute, die niemals Musik hören, sehr beeindruckend daher kamen, für jeden anderen irgendwie traurig waren, vor allem, weil die 80er Metal Posen adequat dabei waren (ihr wisst schon, das eine Bein auf dem Monitor und ein dramatisches Gniedelgesicht – auch als Metal-Duckface bekannt)). Während dieses Instrumentals kam jemand auf die Bühne, mit Mike Myers Maske (der aus den Horrorfilmen, nicht Austin Powers), dickem Bauch, langer Lockenperücke, einer Axt in der Hand, einem komischen weißen Weihnachtsmannrauschebart auf dem Rücken, sowie einem Gaderobenständer hinten an seinem Hosenbund (zumindest nehme ich an, dass es das war), über dem ein braunes Tuch hing, auf dem obskure Zeichen mit Handmalfarben gezeichnet waren. Es ging auf die Bühne, zündete ein Konfettifeuerzeug ins Publikum und entschwand. Ich vermutete einen diffizilen Insider, der nur in nächtelangen Gesprächsrunden vollständig aufgerollt werden könnte, aber das nächste Lied offenbarte zwei Dinge: den eigentlichen Grund hinter der Verkleidung und einer kriminellem Misinterpreation der griechischen Mythologie. Der Song “Zentaur” (in dem es um einen Zentaur geht, der an einer unverschuldeten Wunde stirbt und dann noch irgendwas macht) war die Inspiration für wasimmer da gerade auf der Bühne gewesen war. Nun, ich habe schon länger nicht mehr die antiken Malereien der großen Epiker gesehen, in denen Zentaur dargestellt wurden, aber…wtf?

(offensichtlich handelt es sich bei diesen Zentauren um Fälschungen, ohne Axt geht schon mal gar nix und wo ist bitteschön die Hockeymaske?)

Irgendwann später – die Zeit hatte sich unter Vorbehalt, auf die Toilette zu müssen, gekonnt aus dem Hintereingang raus geschlichen – gab es noch ein wütendes Trennungslied, der Sänger gröllte ins Mikro, dass seine Liebste nun fort war, meine Mutter flüsterte mir trocken ins Ohr “ich weiß auch warum”, zwei Minuten stand ich lachend vor der Bühne, stieg bei der emotionsvoll gesungenen Zeile “du hast nie meine Musik verstanden” ein, woraufhin ich erneut am Boden zusammenbrach.

Der letzte Song, den ich noch aktiv miterlebte (danach konnte ich es weder physisch noch psychisch ertragen, jedweder unfreiwillig komische Moment war in der halben Stunde drei Mal durchgegurgelt und ausgelacht worden), war ein weiteres Instrumental, bei dem der Sänger für ca. 10-15 Minuten wahllose Tonfolgen auf dem Syntheziser spielte, die der Gniedelgitarrist nachspielte. Das, was natürlich genau dann Eindruck macht, wenn es von echten Musikern gemacht wird und nicht die erlaubten 5 Minuten Toleranzgrenze übersteigt, ansonsten jedoch nur ein billiges Mittel ist, die Zeit zu strecken und sich wie zwei geniale Bluesmusiker zu fühlen. Die Menge tobte, meine Mutter gab später zu, dass es ihr liebster Song war, aber das nur aus dem Grund, weil der Sänger bei seinem Synthie-Gehacke (dabei angestrengt die Zunge zwischen die Lippen, wie es konzentrierte Grundschüler tun, wenn sie Kastanienfiguren basteln), keine Zeit zum Singen hatte.

Brainwave – seit 2009 wieder zusammen, seit März in der aktuellen Formation. Leider gibt es keine Myspace Seite, aber das ist auch gut, da das Internet vielleicht dann die Grenze des Fremdschäm-Materials überschreiten und sich daraufhin selbst zerstören würde…

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